Wie er in seinem 1999 posthum erschienenen Buch Der Schmied Weland
darauf hingewiesen hat, ging bereits der Literaturwissenschaftler Oskar
Klockhoff in seiner Veröffentlichung STUDIER ÖFVER ÞIÐREKS
SAGA AF BERN (Upsala 1880) von einer untergeordneten Validität der Membrane
gegenüber der altschwedischen Dietrich-Chronik aus. Zu ihrer deutschen Übersetzung
Die Didriks-Chronik oder die Svava
(1989) lieferte Ritter-Schaumburg bereits eine Gegenargumentation zu der u. a. von
C. R. Unger, H. Bertelsen, B. Henning und H. Hempel vertretenden Auffassung
einer abschriftlichen Abhängigkeit der altschwedischen Dietrich-Chronik
von den altnordischen Handschriften, darunter die als „Membrane“ bezeichnete
Festlandhandschrift.
Ihren bezweifelbaren inhaltlichen Darstellungsstil gegenüber der Version der altschwedischen Fassung findet er zum Beispiel in der Rede von Walter an Hildegund. Mb 242 schreibt: „Komme du morgen, wenn die Sonne aufgeht, zu dem äußersten Burgtor und nimm mit dir so viel Gold, wie du nur irgend tragen kannst in deinen beiden Händen, indem du alle Schatzkammern weißt von Erka-Königin, deiner Verwandten!“ Demnach, so m&öuml;chte man annehmen, wollte Walter seine Geliebte Hildegund zu einem Diebstahl an ihrer Tante aufgefordert haben. Dagegen vermittelt Sv zur Eigentumsorientierung jedoch diese mit nachgestelltem Possessivadjektiv durchaus abweichend auffassbare Aussage von Walter: „Komm morgen, wenn es tagt, außen zur heimlichen Pforte und
nimm mit dir Gold und Silber und In seinem Katalog der „Änderungsbestrebungen der Membrane“ erkennt Ritter-Schaumburg einen derartige Verdrehungen heraufbeschwörenden Erklärungs- und Verdeutlichungswillen der somit subjektivierenden Membrane und nennt als weiteres Beispiel von mehreren die angebliche Eigenschaft eines Messers an König Nidungs Tafel, dessen Heft – sobald Unreines oder Gift im Essen war – gesungen habe. Dies wiederum als Exempel für die grundsätzliche Veranlagung des Membrane-Schreibers, den Bericht zu Lasten einer vortradierten Authentizität generell farbiger ausmalen zu wollen. Ritter-Schaumburg folgert anhand eines weiteren Vergleichmusters:
Wie Ritter-Schaumburg aus der Membrane hervorhebt, will sie
das Geschehen nach dem Gesichtspunkt, Bewegungsgrund bzw. der mentalen Position der
handelnden Person breiter ausmalen. Dem Schreiber dieser Handschrift genügt
etwa nicht die einfache Mitteilung nach Sv 63, wo es heißt: „Der König ging
aus der Stube ...“, sondern er schreibt (Mb 65): „Nun will der König
hinausgehen ....“; oder Sv 18: „Sobald das Kind geboren war, verschwand
die Mutter ...“, dagegen hier Mb 23: „Und nun will sie dort nicht
länger bleiben ...“ Weitere Beispiele sind leicht greifbar: Wenn die
altschwedische Dietrich-Chronik berichtet: „Als Weland 9 Jahre alt war,
brachte ihn sein Vater zu einem Schmied ...“, dann lautet bereits hier die
weiter ausfüllende Membrane: „Wade will,
dass er eine Kunst erlerne. Gehört hat er von einem Schmied ...“
Ritter-Schaumburg unterstreicht, dass damit »... die Membrane, statt einfach zu erzählen, den Ausgangspunkt in die Seele der handelnden Personen setzt, deren Gedanken, Gefühle und Absichten diese Handschriften doch nur vermuten können.« und folgert: »Das ist Romanstil ...« Eine weitere Vorliebe der Membrane ist ihre offensichtliche Zahlenpräferenz, die Ritter-Schaumburg mit diesen Beispielen aus dem Weland-Bericht verdeutlicht:
Die Membrane besitzt überdies, so stellt
Ritter-Schaumburg weiter fest, eine übertriebene Neigung
zu rechtlichen Regelungen, wie eine solche schon unmittelbar aus der
Folgeerzählung über den Diebstahl von Welands Eigentum zu folgern ist.
Ritter-Schaumburg berücksichtigt für seine Prioritätsfindung jedoch auch die nach zeitgenössischen Maßstäben zurecht annehmbare Unwahrscheinlichkeit, dass aus der umfänglich deutlich romanhaften Ausgestaltung der altnordischen Handschriften wohl kaum eine literarische Ausnüchterung in Form der beiden altschwedischen Fassungen hergestellt worden sein kann. Er schlussfolgert: »Es führt kein Weg darum herum, die Fassung der Sv (Sv*) als die ursprünglichere Fassung anzusehen und von ihr auszugehen, um in der Ths-Forschung vorwärts zu kommen.« (Der Schmied Weland, S. 123.) |