Ich war von der Thidrekssaga ausgegangen, ohne auf das
Nibelungenlied oder die Edda zurückzugreifen. Ich hatte nach den
Gesetzmäßigkeiten und Ursprüngen der Thidrekssaga gefragt.
Und ich hatte in der Thidrekssaga ein eigenständiges Werk erkannt, das auf jene anderen Werke nicht zurückging. So bin ich in einem Gegensatz zu der herrschenden Germanistik geraten. |
Sich noch hierauf beziehend erläutert Ritter-Schaumburg seine
offenbar unorthodoxe Vorgehensweise zur Erforschung der Thidrekssaga: |
Aber der Zwiespalt liegt doch auch noch an anderer Stelle. Die Germanistik behandelt die Thidrekssaga ganz selbstverständlich als eine Dichtung und sucht nach der Herkunft ihrer Motive. Ich selbst kam von der Naturwissenschaft zur Germanistik. Daher ist mir die naturwissenschaftliche Methode tief eingeprägt. In der Naturwissenschaft sucht man immer nach gegebenen Wirklichkeiten. Die Naturwissenschaft arbeitet mit dem Experiment als ihrer Methode: Eine These wird aufgestellt. Sie ist zunächst eine Vermutung. Sie wird behandelt, als ob sie richtig wäre. Stellen sich nun Widerstände oder Widersprüche ein, so ist etwas an der These nicht richtig. Stellt sich kein Widerspruch ein, so wird die These als richtig angenommen, jedenfalls solange, bis ein Widerspruch erscheint. |
Bekanntlich verweigerte ihm dabei – zur Anerkennung seiner
aus der Thidrekssaga abgeleiteten Thesen – die Germanistik und Nordistik ihre Gefolgschaft.
Im somit unvermeidlichen argumentativen Schlagabtausch reagierte Ritter-Schaumburg
auch auf den eng an Andreas Heuslers Sichtweise orientierten und von Gernot Müller
entsprechend umgemünzten „Entmythologisierungsvorwurf“: |
Gewiß hat auch die Thidrekssaga einiges, das an Märchen- und Mythenhaftes wenigstens denken läßt, und sie hat auch romanhafte Einschübe. Aber all das ist doch nicht das Wesentliche der Thidrekssaga, sondern ist Anhängsel oder später dazugekommen. Wesentlich sind ihre Berichte über die Herrschergeschlechter, ihre Völker und Kriegszüge, über Ereignisse und Personen einer frühen Zeit. Andreas Heusler hat sie nicht für wahr nehmen wollen, und nennt dies einen „eigentümlich realistischen, chronikhaften, scheinhistorischen“ Zug, zu dem Gernot Müller polemisch meint: |
| „Diesem Zug ist Ritter auf den Leim gegangen. Mit verbissener Konsequenz erklärt er ihn für echt und beherrschend und datiert ihn zurück bis ins 6. Jahrhundert.“ |
Dem nicht unrepräsentativen Vorwurf von Müller,
dass hier eine poetologisch verfestigt zu sehende Überlieferung
ungebührlicherweise als chronistische Vermittlung ausgelegt und überdies
noch einer bestimmten Epoche zugeordnet wurde, entgegnet Ritter-Schaumburg: |
Im Gegensatz dazu hatte ich mir die Frage gestellt, ob die Thidrekssaga Wirklichkeit und Geschichtliches enthalte. Außerdem hatte ich die Thidrekssaga nicht einfach „zurückdatiert bis ins 6. Jahrhundert“, sondern ich hatte sehr genau begründet, weshalb die Thidrekssaga – in ihren wesentlichen Teilen – nur in jener Zeit entstanden sein kann. |
Was mir Gernot Müller vorwirft, ist nicht,
daß ich Fehler gemacht hätte – Fehler weist er mir nicht nach – er kritisiert,
daß ich die Thidrekssaga, wie er meint, „entmythologisiere“ und sie ihrer
märchenhaften Elemente entkleiden wolle. Aber auch hier mißversteht
er meinen Ansatz. Ich habe gefragt, was die Thidrekssaga wohl meine, und
ob ihre Meinung nicht viel nüchterner sei, als man ihr immer, vom
Nibelungenlied herkommend, „andichten“ will. |
Mir scheint, wer behauptet, ich entmythologisiere,
der liest gar nicht die Thidrekssaga (vor allem nicht die Svava), sondern dem
stehen die Wasserfrauen des Nibelungenliedes vor Augen, die über dem
Brunnen „swebeten“, oder gleich Richard Wagners „Rheintöchter“ und
von diesen dichterischen Gebilden möchte er sich nicht lösen.
Und so lautet denn auch der abschließende Klagegesang Gernot
Müllers: |
„Was er (Ritter) aber letztlich in seinem
Sturmlauf gegen alle Erkenntnisse der Forschung ‚gewinnt’, ist ein Verlust. Allzu
poesiegläubig – wenn auch wider Willen – sterilisiert er Heldendichtung
zu nüchterner chronikalischer Berichterstattung und löscht damit
an ihr ihren poetischen Glanz. So wird ihm die Meerweiber-Episode, ein
literarischer Stoff, der noch Goethes dichterische Einbildungskraft zu
einer Ballade inspirierte, zur prosaischen Szenerie eines realen Gesprächs
zwischen Hagen und ‚Schiffer- oder Fischerfrauen’ (56), in dem es nicht
um eine Prophezeiung überirdischer Wesen, sondern um die Schwierigkeiten
der Überfahrt über den Rhein (ebd.) bei Merkenich und Wiesdorf
in der Völkerwanderungszeit geht.“ |
Wie vielen an unverrückbaren bibliografischen
Wertigkeitsordnungen des 19. Jahrhunderts glaubenden Literaten mag Gernot
Müller aus der Seele gesprochen haben? Wenn er tatsächlich auf
Ritter-Schaumburgs Seite eine gar übermäßige
„Poesiegläubigkeit“ als „Verlust“ glaubhaft verbuchen will, sollten wir dann
Müllers Bilanzseite einen um so deutlicheren Gewinn an realgeschichtlichem
Erkenntnisvermögen wünschen?
In Gernot Müllers Äußerungen erkennt Ritter-Schaumburg die deutlich reaktionär gefärbte Hauptkritik an seiner Thidrekssaga-Forschung, zugleich aber auch unübersehbare germanistische Defizite in dem Unvermögen oder der Weigerung, aus „inspirativem poetischen Glanz“ reale Hintergründe schlüssig deduzieren wie aber auch tolerieren zu wollen. Er führt daher zu den von Müller angeführten und nach Goethes dichterischer Einbildungskraft womöglich unantastbaren „Meerweibern“ noch beispielhaft aus: |
Was meint die Thidrekssaga mit den zwei „Seeweibern“ oder „Wasserfrauen“, denen Hagen am Rhein „bei hellstem Mondschein“ begegnet? Sv 308 sagt da: |
| „Er kam zu einem Wasser, das Möre hieß, und sah da irgendwelch Volk im Wasser und sah ihre Kleider am Wasser liegen. Er nahm die Kleider und verbarg sie. Das war kein anderes Volk, das er sah, als zwei Seeweiber, die fuhren vom Rhein und zu dem See, um sich zu vergnügen.“ |
Was ist hier Mythologie? Wenn es „Wassergeister“
waren, weshalb legen sie ihre Kleider ab, wenn sie baden? Ist so etwas üblich
bei Wassergeistern? Gehören nicht zu ihnen schleierartige Gewänder,
die nie naß werden, nie am Körper festklatschen, immer schweben?
Und ihr Ende? |
| „Da zog Hagen sein Schwert und zerschlug die Seeweiber. Er hieb sie mitten durch, Mutter wie Tochter.“ |
Da lagen denn zweimal zwei halbe Seeweiber in dem
Wasserteich. Und damit soll die Thidrekssaga Wassergeister gemeint haben? Hat man die
„Seeweiber“ nicht vielmehr nachträglich „mythologisiert“? |
Die sich an weitgehend unkritisch übernommenen
Erkenntnissen einiger früher und von Ritter-Schaumburg zurecht in
Zweifel gezogener Autoren orientierende Lehrmeinung hat mit ihren
letzten größeren Betrachtungen mittelhochdeutscher
und altnordischer Literatur wiederum versucht, eine rezeptorenartige
Kerneigenschaft der Thidrekssaga darzustellen und deren historiografische
Hauptveranlagung mit jenen auf Reimdichtung samt fabulöser
Theoderich-Dietrichepik abgestimmten Interpretationsdogmen abzulehnen.
Mit faktisch abwegigen Raumvorstellungen, die sich weiterhin auf den
altwissenschaftlich abgesegneten Gleisen irriger textgeografischer
Meinungsbilder des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bewegen
müssen. Mit einer gegen Ritter-Schaumburg längst
systematisch gepflegten Strategie, die chronistische wie
historiografische Überlieferungs- und Übersetzungsbibliografie
gemäß altnordisch praktizierter SAGA-Betitelung
bewusst ignoriert und somit längst nicht mehr mit seriöser
Geschichtsforschung zu tun haben kann. |
Aus den vermutlich fortgesetzten Versuchen der Lehrauffassung,
die Thidrekssaga nicht als eine im Wesentlichen historische Quelle, sondern
heldenepische und/oder scheinhistorische Sagenkompilation nachzuweisen, kann
(nicht nur) Ritter-Schaumburgs chronikalischer Indizienkatalog aus den altnordischen
und altschwedischen Handschriften wohl kaum unter Hinweis auf eine
Überforderung oraler Traditionsressourcen in Frage gestellt werden.* |
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* Siehe hierzu auch die Verfasserbeiträge Dietrich von Bern – Chronik oder Dichtung? Zwölf um Dietrich von Bern – Heldenphysiognomie aus der Retorte? Zitate aus
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| Kurzes Autorenprofil
Heinz Ritter-Schaumburg
(Ein nach Angaben in seinen Publikationen erstellter Auszug aus seiner erheblich umfangreicheren Bibliografie und Biografie.) Heinz Ritter-Schaumburg,
Dr. phil., wurde am 3. Juni 1902 in Greifswald geboren. Er studierte Medizin, Germanistik,
Biologie und Spanisch und baute in den dreißiger Jahren ein Kinderheim
nach neuartigen pädagogischen Grundsätzen auf. Ritter ist Verfasser
zahlreicher Gedichte, Laienspiele und Erzählungen, darunter zuerst zu nennen
Der Traum vom Gralsfelsen (1982) und Das Erdeneiland (1990). Er
promovierte über Novalis, arbeitete an der historisch-kritischen Ausgabe
des Gesamtwerks mit und publizierte zwei Monographien über Novalis:
Der unbekannte Novalis (1967) sowie Novalis und seine erste Braut
(1986). Sein sprachwissenschaftliches Werk Die Kraft der Sprache (1985)
erschien zwischen weiteren Werken über seine
nahezu lebenslang betriebene Sagenforschung, darunter auch seine frühe
Publikation Sagen der Völker (1959). Zwischen 1981 und 1992
veröffentlichte er auf der Grundlage früherer Aufsätze und
Schriften Die Nibelungen zogen nordwärts (1981), Dietrich
von Bern (1982) und Sigfrid ohne Tarnkappe (1992) die Erkenntnisse
seiner 1958 begonnenen Forschungen über den historischen Kern der
Thidrekssaga. Daneben befasste er sich mit der historischen Gestalt des Arminius
und der Lokalisierung der Varusschlacht in Der Cherusker (1988). Ein Jahr
später brachte er die deutsche Erstübersetzung der altschwedischen
Dietrich-Chronik heraus. Sein letztes Werk ist die von seinem Sohn Prof. Dr. Hans
Martin Ritter herausgegebene Posthum-Veröffentlichung Der Schmied
Weland (1999). Heinz Ritter-Schaumburg starb 1994. |